Choreografenstipendium Kunststiftung NRW

 

Im Jahr 2009 erhielt ich das Choreografenstipendium der Kunststiftung NRW. Diese Auszeichnung ist für die Weiterbildung von Choreografen und wird aufgrund des eingereichten Konzeptes vergeben. Ich hatte mich dafür beworben, drei Choreografen in drei unterschiedlichen Ländern zu besuchen, die mit ihrer Arbeit in einem politischen Zusammenhang sichtbar werden. Diese drei sind Janez Jan_a in Ljubljana/Slowenien, Omar Rajeh in Beirut/Libanon und Public Movement in Tel Aviv/Israel. Ich kannte keinen zuvor persönlich, aber bin durch deren Arbeiten auf sie aufmerksam geworden. Auch die drei Länder und Kulturen waren mir noch unbekannt.

Mit Hilfe des Stipendiums wollte ich herausfinden, was für diese Künstler das Politische in ihrer Arbeit ist und damit meinem Interesse nachgehen, wie die Kunst insbesondere der Tanz in die Gesellschaft eingebunden ist, was für eine Rolle er spielt und welche Potentiale dort schlummern.

 

Im Dezember 2009 besuchte ich Janez Jan_a in Ljubljana/Slowenien. Vor Ort wurde spürbar, wie wenig Kontakt mit den anderen ehemaligen jugoslawischen Staaten besteht und wie europagerichtet Slowenien sich platziert. Als Auftaktreise war es eine gute Einstimmung, mich in einem kulturellen Kontext mit anderem Sprachbild und anderen linguistischen Wurzeln als den germanischen zu bewegen. Deshalb war auch der Kinobesuch des spanischen Films „Zerrissene Umarmungen“ im Original mit slowenischen Untertiteln ein passendes Zeugnis der sprachlichen Verwirrung auf der Suche nach Verständnis. Janez Jan_a hat 1999 Maska gegründet, ein Verlags- und Produktionshaus. 2007 nahmen er und zwei andere slowenische Künstler den Namen Janez Jan_a an, der durch den Politiker und späteren Premierminister des Landes bekannt ist. Mit dem Namenswechsel als künstlerische Aktion hat er sich selbst in einen politischen Kontext platziert. Abseits dieser tagespolitischen Verbindung arbeitet er in Theater, Tanz, Text und bildender Kunst und sucht mit dem Rezipienten den Dialog auf Augenhöhe. Er sagt sinngemäß, wenn es im politischen Miteinander den mündigen Bürger braucht, so soll in der Kunst der Rezipient doch auch nicht manipuliert oder verführt werden, sondern sich selber eine Meinung bilden. Während meines Besuchs führten sie gerade ein Reenactment der slowenischen Performance "Pupilija, Papa Pupilo and the Pupilecks" aus dem Jahre 1969 auf. Dieses Stück war ein Meilenstein in der Theatergeschichte des Landes. Die Beschäftigung mit dem kulturellen Erbe ist Ausdruck dieses in die Gesellschaft gerichteten Interesses.

 

Im Januar 2010 reiste ich nach Beirut/Libanon, um Omar Rajeh zu treffen. Das Land befand sich im Krieg mit Israel, unter dem Eindruck des Bürgerkriegs, der bis 1990 dauerte, und in der Auseinandersetzung mit dem Nachbarn Syrien. Das wurde in der unmittelbaren und in der medialen Reaktion sehr greifbar, als am 25.1. ein Flugzeug kurz nach dem Start auf dem Beiruter Flughafen vor der Küste Libanons abstürzte und sank. Stark beeindruckt hat mich der Umstand, dass der Libanon keine Industrialisierung vergleichbar mit Europa erlebt hat. Die Erfahrung, dass der Mensch durch Maschinen ersetzbar ist und damit ein Ablauf optimiert wird, gibt es nicht. Somit herrscht ein vollkommen anderer Arbeitsbegriff, als ich ihn kenne. Die Prioritäten werden im Alltag anders bestimmt. Die Zugewandtheit der Menschen untereinander hat mich tief bewegt. So stoppte beispielsweise der Taxifahrer, mit dem ich mich nicht verständigen konnte, nachts um halb vier auf einer verlassenen, achtspurigen Stadtautobahn, nachdem ich gelandet war ohne Erklärungsversuch. Er kramte umständlich in einer Tasche, bis er ein Telefon hervorzog und Omar Rajeh anrief, der den Taxifahrer so instruiert hatte und mit mir nach meiner Ankunft hatte sprechen wollen – auch nachts um halb vier.

Die libanesische Bevölkerung ist zur einen Hälfte christlich, zur anderen muslimisch gläubig. Das ruft eine Vielzahl von unterschiedlichen Körperlichkeiten auf den Plan. So sagt Omar Rajeh zu seiner Arbeit, dass sie natürlich politisch sei, da es vor ihm keinen zeitgenössischen Tanz dort gab. Er hat in Großbritannien studiert und gründete 2002 „Maqamat“, die erste zeitgenössische Kompagnie im Libanon, für die er einige abendfüllende Stücke choreografierte. Darauf folgte „Bipod“, das zeitgenössische internationale Tanzfestival in Beirut, „Autumn Dance“, eine Plattform für Research und Austausch, das Tanzstudio „Maqamat“, mit Tanzunterricht für Profis und Laien und „Takween“, das erste professionelle Ausbildungsprojekt für Tanzstudenten in Beirut. Er leistet eine ungeheure Menge an Gründungs- und infrastruktureller Arbeit. Künstlerisch interessiert ihn der tagespolitische Zusammenhang nicht so sehr, sondern vielmehr die Möglichkeiten von Tanz, von Körpern, Körperlichkeit und Präsenz und der Struktur, wie sie präsentiert werden.

 

Im März 2010 besuchte ich Public Movement in Tel Aviv/Israel. Public Movement wird von Dana Yahalomi und Omer Krieger geleitet. Israel befand sich im Krieg mit dem Libanon und in andauerndem Aggressionszustand mit dem Iran. Obama verurteilte die neuen Siedlungspläne in Ostjerusalem und Israel reagierte sehr laut. Als Reaktion hielt der Vizepräsident der USA Joe Biden eine Rede an der Universität in Tel Aviv, die ich tatsächlich nach viel Überzeugungsarbeit und der bürgenden Verantwortung von Dana Yahalomi gegenüber dem Sicherheitsapparat erleben konnte. Fasziniert von dem Land, der Lebensart und der Lebensqualität – abgesehen von der Tagespolitik – hatte ich dort die wenigsten Verständigungsschwierigkeiten, und es war am leichtesten, in Kontakt zu kommen. Public Movement bereitete eine Premiere über einen Amoklauf in einer Schule vor, die in Deutschland stattfinden sollte. Einschneidendes Erlebnis bleibt, wie ich mit der Gruppe in einer Probe zu einem Paintballschießgelände fuhr und wir, eine israelische Gruppe von jungen Leuten, die alle Armee-Erfahrung haben, und ich, 34jährige Deutsche, aufeinander schossen. Die Arbeit von Public Movement ist wie an dem Beispiel ablesbar auch thematisch nahe am tagespolitischen und bewegt sich zwischen Intervention, Performance, Tanz, Lecture und Installation. An diesem Beispiel wurde mir auch vor Augen geführt, wie unmittelbar unsere beiden Kulturen miteinander verbunden sind und ineinander wirken.

 

Diese Reisen in diese höchst unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Geschichten, Gesellschaften, Arten zu arbeiten, Weisen, Kunst zu machen und zu betrachten, sich von der Tagespolitik beeinflussen zu lassen, sich selbst als Teil des Ganzen zu sehen und die eigenen Wirkungsspielräume zu nutzen, haben mich zutiefst und auf mehr als formulierbaren Ebenen bewegt. Schon diesen Text zu schreiben und auszuwählen, was ich berichte und was nicht, kann nur unzureichend sein gegenüber dieser Erfahrung. So werden sich diese unterschiedlichsten Einflüsse in Spuren in meinen Auseinandersetzungen der nächsten Jahre wiederfinden lassen – davon bin ich überzeugt und sehr dankbar.